Der Ruf der Rebellen nach Jena und Fensterblick auf den Ginkgo

Bilanz einer Fünf-Millionen-Euro-Sanierung

Zwei Fenster des Goethe-Laboratoriums mit Blick in den Botanischen Garten

Foto: Anne Günther (Universität Jena)
Zwei Fenster des Goethe-Laboratoriums mit Blick in den Botanischen Garten

Meldung vom: | Verfasser/in: Jördis Bachmann

Jena. Das Goethe-Laboratorium wurde vor rund einem Jahr frisch saniert wiedereröffnet, fünf Millionen Euro wurden investiert: Was bedeutet dieser Ort für die Stadt? Hat sich die Sanierung gelohnt? Der Jenaer Philosoph Helmut Hühn spricht über Elefanten, Schmetterlinge und Hoffnung auf Verborgenes

Philosoph Helmut Hühn leitet Schillers Gartenhaus und das Goethe-Laboratorium in Jena.

Foto: © Funke Medien Thüringen | Jördis Bachmann/Archiv

In einem hessischen Dorf ist er aufgewachsen, Helmut Hühn, heute 64 Jahre alt. Direkt hinter dem Haus seiner Eltern erstreckte sich ein Wald. 250 Einwohner hatte das Örtchen, fast jeden konnte er als Kind mit Namen benennen. Die Natur und die Prozesse des Lebens zu beobachten, dafür konnte sich Hühn schon früh begeistern. "Ist es nicht fantastisch, wie aus einer Raupe eine Puppe und schließlich ein Schmetterling entsteht", sagt er.
In jugendlicher Naivität habe er Philosophie studiert. Er wurde zum Mitherausgeber des "Historischen Wörterbuchs der Philosophie". Vom Buchstaben P bis zum Z habe er daran gearbeitet. Eine Leistung, auf die er stolz ist, denn das Wörterbuch sei in allen großen Bibliotheken der Welt zu finden. Dass Hühn schließlich von Berlin an die Jenaer Universität kam, war mehr Zufall als Plan und doch ein großes Glück. Heute leitet Hühn Schillers Gartenhaus und das Goethe-Laboratorium der Friedrich-Schiller-Universität. 

Neue Dauerausstellung "Bewegliche Ordnung"

Mit Hemd und legerem Jackett sitzt er in der verglasten Veranda des Schiller-Gartenhauses und blickt durch seine Brille in den herbstlichen Nachmittag. Hier, wo Friedrich Schiller in den Jahren zwischen 1797 und 1798 unter anderem an seinem „Wallenstein“ arbeitete, hat Hühn seit 2012 sein Büro. Vor nunmehr einem Jahr konnte er das frisch sanierte Inspektorhaus beziehungsweise das Goethe-Laboratorium mit seiner neuen Dauerausstellung „Bewegliche Ordnung“ im Botanischen Garten einweihen. Nicht nur die Sanierung des Gebäudes am Fürstengraben geht maßgeblich auf Hühns Initiative zurück. Auch die gesamten Kosten der neuen Ausstellung hat er über Spenden eingeworben. „Zum Goethe-Geburtstag im August 2025 hat uns zuletzt die Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen, die Sparkasse Jena-Saale-Holzland und deren Stiftung mit 15.000 Euro gefördert. Wir sind unseren Sponsoren nachhaltig dankbar!“
Zehn Jahre mussten ins Land gehen, bis die historische Wirkstätte von Johann Wolfgang von Goethe endlich im Sommer 2024 in neuem Glanz erstrahlte. Immer wieder war es zu Verzögerungen gekommen. Die Sanierung kostete insgesamt 4,9 Millionen Euro. Seit der Einweihung ist etwas mehr als ein Jahr vergangen und Hühn prüft genau, ob das, was mit der neuen Dauerausstellung in den drei Räumen des Goethe-Laboratoriums intendiert wurde, auch funktioniert.
Seit Mai 1817 schlug Goethe hier sein Sommerquartier auf. Vor der Sanierung habe das Gebäude kaum noch Aufmerksamkeit erhalten. Etwa 350 Gäste im Jahr verirrten sich zuletzt noch hierher. Die Gedenkstätte habe vor sich hingedümpelt, sagt Hühn. Jetzt ziehe das Laboratorium wieder Menschen aus der ganzen Welt an. Selbst aus New York hätten bereits Gäste die neue Ausstellung besucht. Rund 6000 Besucher wurden seit Sommer 2024 gezählt. Ziel sei es, diese Frequenz zu halten.

Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart

An historischen Orten wie dem Inspektorhaus des Botanischen Gartens und dem Gartenhaus Schillers bemerke man im Kontakt mit den Besuchern, „dass es in Europa derzeit eine Suchbewegung gibt“, sagt Hühn. „Die Menschen suchen nach Antworten auf die Krisen unserer Zeit.“ Dafür sei das Goethe-Laboratorium und die neue Ausstellung durchaus der richtige Ort – „voll Ruhe, Licht und Gedanken“. „Ich wollte, dass es schön ist und hell. Es sollte zum Verweilen einladen und eine intensive Wahrnehmung ermöglichen“, erklärt Hühn seine Vorstellungen, als er die drei Ausstellungsräume gestalterisch konzeptionierte.
Die sinnliche Anschauung der gezeigten Objekte und Konstellationen könne sich idealerweise mit der geistigen Anschauung verbinden.
Dass Jena mit dieser Ausstellung direkt im ersten Jahr so erfolgreich war, daran habe sicher auch das Buch „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf einen Anteil, ist sich Hühn sicher. Der Roman erschien im Jahr 2022 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Der Kreis der Jenaer Frühromantiker und ihre Ideen wurden durch Wulfs Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Viele internationale Gäste seien aufgrund des Buches nach Jena gereist, sagt Hühn. Doch die Stadt biete gar nicht so viele Orte, an denen man auf den Spuren der Zeit um 1800 wandeln könne. Das Inspektorhaus mit dem Goethe-Laboratorium sei nun einer davon. Die historischen Orte der Salana seien Zonen, an denen sich die Universität der Stadtgesellschaft und der Öffentlichkeit mit eigenen Formaten und dialogischen Angeboten zuwende.

Der Elefantenschädel fand einen neuen Platz

„Die Welt zu romantisieren, so behauptete er (Novalis), heiße, uns den Zauber und das Wunder der Welt vor Augen zu führen. Die Aufgabe bestand darin, das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu sehen“, heißt es in „Fabelhafte Rebellen“. Goethe habe eine große Begabung gehabt, dieses Außergewöhnliche wahrzunehmen, sagt Hühn. Und nicht nur das, er habe versucht, den Prozess zu begreifen, der hinter dem Moment steckt. Man sei oft von den „Augenblicksgöttern“ dominiert, doch im Erkennen des Prozesses stecke Erkenntnis, erklärt Hühn. Eben nicht nur den Schmetterling bewundern, sondern seine Verwandlung begreifen. Als Naturwissenschaftler und Poet habe es Goethe vermocht, Leerstellen zu schließen und Entwicklungsprozesse wissenschaftlich, aber auch künstlerisch, nachzuzeichnen.
So findet sich auch ein mächtiger Elefantenschädel in der Dauerausstellung. Bevor er seinen neuen Platz im Inspektorhaus fand, fristete er sein Dasein unbeachtet auf dem Dachboden des Phyletischen Museums. Es sei der Schädel eines Afrikanischen Elefanten aus dem 17. Jahrhundert, den Goethe untersucht habe, erklärt Hühn. Goethe habe im Rahmen seiner anatomischen Forschungen Schädel von Tieren und Menschen miteinander verglichen und so erkannt, dass sowohl Tiere als auch Menschen den Zwischenkieferknochen besitzen. Er kann nicht als anatomisches Unterscheidungsmerkmal verwendet werden – eine damals neue Erkenntnis.

Vielleicht liegt noch etwas im Verborgenem

Hühn ist davon überzeugt, die Gesellschaft kann besser, freier und gerechter werden – durch Bildung. Jena sei ein Ort, an dem neue Utopien und Gedanken entstanden seien. Eine der wichtigsten Fragen heute sei die nach dem Verhältnis der Menschen zur Natur. „Wie schauen wir auf uns als Menschen und auf die Natur? Ist die Natur nur Objekt der Ausbeutung für uns? Wie gestalten wir unser Verhältnis zu ihr und zu den Menschen, und wie gewinnen wir dabei unsere individuelle und kollektive Identität? Wie schaffen wir es, die scheinbar fertige Welt, die wir vorfinden, immer wieder aufzubrechen und neu zu denken?“
Hühn hat bereits seine Nachfolge geklärt. „Mein Erbe ist verteilt“, sagt er und lächelt. Mit seinen 64 Jahren versuche er dennoch, stets den jungen Blick der Studenten einzunehmen, die „in diese Welt hineinleben“. Doch „philosophieren heißt Sterben lernen“, zitiert Hühn den Philosophen Michel de Montaigne mit Blick auf sein eigenes Alter. Ob Hühn angesichts mancher Entwicklungen der Gegenwart als Philosoph verzweifle? „Unser Wissen ist begrenzt. Vielleicht zeigt sich inmitten der gegenwärtigen Krisen etwas, was bisher im Verborgenen ist und neue Wandlungskräfte mitbringt“, sagt er und schaut nachdenklich in den Jenaer Herbst. „Vielleicht erweist sich die Weltgesellschaft als lernfähig.“

 

Information

Goethe-Laboratorium am Fürstengraben 26, Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Zugang nur über Fürstengraben (nicht über den Botanischen Garten).